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  • Lucas Schönborn

Wird der Anwalt durch die Digitalisierung überflüssig?

Der juristische Dienstleister von morgen

Legal Tech ist in aller Munde. Anwälte befürchten, dass sie ihre Monopolstellung als Herren des Rechts verlieren und im Wettbewerb mit Software und Online-Plattforum um ihre Privilegien fürchten müssen – so jedenfalls ein verbreiteter Mythos. Zahlen zeigen jedoch, dass die Anwaltschaft den technologischen Entwicklungen mehrheitlich positiv und aufgeschlossen gegenübersteht.


Der Stand von Legal Tech in der Anwaltschaft

Durch Juve wurden ausführliche Studien über die Meinungen der Anwaltschaft zu Legal Tech durchgeführt.[1] Grundsätzlich bejahen 70% der Anwälte, dass sie die zunehmende Automatisierung des Anwaltsberufes als Chance für ihre Kanzlei begreifen. Dies entspricht auch in etwa der Zahl jener Anwälte, die mit dem Thema vertraut sind. 2 von 3 Anwälten bestätigen, mit dem Thema in Grundzügen vertraut zu sein. Die Motivationen sind dabei im Wesentlichen eine qualitative Verbesserung des Beratungsprozesses (80%) und Effizienzsteigerungen (78%). Diese grundsätzlich positive Auffassung des Themas spiegelt sich andererseits nicht in den Investitionen durch Anwaltskanzleien wider. Lediglich 15% der Kanzleien investieren in Legal Tech Startups und 8% beteiligen sich an Innovationszentren.

Die Automatisierung des Anwaltsberufs ist jedoch nicht bei allen Studienteilnehmern positiv behaftet. 34% der Befragten halten Legal Tech für überbewertet. 11% sind sogar der Auffassung, in der Zukunft werden derartige Tools keine nennenswerte Rolle spielen.


Legal Tech auf der Überholspur?

Betrachtet man diese zwar noch verbesserungswürdigen aber grundsätzlich positiven Zahlen, stellt sich die Frage, wie man Legal Tech sinnvoll in den Kanzleialltag integrieren kann und wie derartige Möglichkeiten aussehen. Oder ist die Entwicklung sogar derart weitreichend, dass der Anwalt in wenigen Jahren nur noch in Museen zu finden ist? Zurzeit existieren juristische Legal Tech-Tools in Form von Online Services auf der einen und kanzleispezifischer Legal Tech-Software auf der anderen Seite. Im Folgenden werden die wahrscheinlichen Auswirkungen der jeweiligen Tools auf die Anwaltschaft grob beleuchtet.


Online-Services

Zuerst sollte man sich für eine Beantwortung der Frage, ob juristische Online-Services den Anwalt gänzlich ablösen werden, verdeutlichen, welche Ansprüche durch Online-Services durchgesetzt werden. Meistens agieren solche Portale in kleinen Nischen, deren Streitwerte so gering ist, dass eine Anwaltskanzlei sie nicht rentabel einklagen könnte. Ein sehr bekanntes Beispiel sind Fluggastentschädigungsplattformen. Diese klagen Ansprüche von Fluggästen ein, deren Streitwerte sich beispielsweise auf bis zu EUR 600 belaufen. Ein solch geringer Betrag kann von keiner Kanzlei wirtschaftlich lohnenswert eingeklagt werden. Der Mandant müsste abgewiesen werden und müsste sich infolge dessen an ein einschlägiges juristisches Online-Portal richten. Diese Portale halten bei ähnlich gelagerten Fällen durch automatisierte Fallabwicklung die Kosten sehr gering und können somit auch Kleinstwerte einklagen. Problematisch dürfte hier jedoch sein, dass diese Online-Portale juristische Dienstleistungen erbringen, die durch das RDG reguliert sind. Bislang wird dies teilweise dadurch umgangen, dass jene Plattformen als Inkasso-Dienstleister auftreten und die Forderung an sich abtreten lassen. Darüber hinaus ist bei höheren Streitwerten zu beachten, dass meist aufgrund einer erhöhten Fallkomplexität der Anspruch nicht durch automatisierte Algorithmen geltend gemacht werden kann. Weicht der individuelle Fall signifikant vom Regelfall ab, führen automatisierte Online-Tools nicht mehr zu juristisch zufriedenstellenden Ergebnissen. Derartige Online-Services stehen folglich nicht im Wettbewerb mit dem klassischen Rechtsanwalt.


Legal Tech-Kanzleisoftware

Neben juristischen Online-Portalen kann Legal Tech auch durch spezifizierte Software in den Kanzleialltag integriert werden. So können grundsätzlich sich wiederholende (administrative) Aufgaben, wie beispielsweise das Prüfen von Rechtschreibung und Grammatik, automatisiert werden und müssen nicht mehr durch einen Anwalt oder wissenschaftlichen Mitarbeiter erledigt werden. Interessanter wird dies insbesondere für den Juristen bei speziellen Legal Tech-Tools, die auf die Bedürfnisse eines Anwalts zugeschnitten sind. Beispielsweise kann der anwaltliche Schriftverkehr durch eine

(Teil-)Automatisierung weitaus schneller und kostengünstiger abgewickelt werden. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, Automationssoftware in juristische Kernprozesse zu integrieren. Derartige Software arbeitet in der Regel mit Wenn-Dann-Funktionen. Eine Struktur, die der juristischen Logik von Tatbestand und Rechtsfolge sehr ähnlich ist. Jura ist dem Coding also gar nicht so fern, wie man zu glauben vermag. Beispielsweise können AGBs, Testamente, Arbeitsverträge etc. in wenigen Minuten erstellt werden - Prozesse mit denen man im analogen Zeitalter teilweise Stunden verbracht hat. Juristische Dienstleister könnten somit einen größeren Fokus auf die juristische Recherche und den Mandaten legen. Dies führt schneller zu einem Ergebnis – was Geldbeutel und Nerven des Mandanten schont.


Fazit

Für Verbraucher sind die Entwicklungen der Legal Technologies durchweg begrüßenswert. Dieser kann deutlich günstiger von seinen Rechten Gebrauch machen und sogar Ansprüche einklagen, die im analogen Zeitalter mangels Wirtschaftlichkeit von klassischen Kanzleien abgelehnt worden wären. Somit werden Segmente des Rechts zugänglich, die bisher - vor allem aufgrund geringer Streitwerte - verschlossen waren.

Darüber hinaus ist zu erwarten, dass Anwaltsdienstleistungen durch erhebliche Effizienzsteigerungen günstiger werden, jedoch gleichzeitig auch in gesteigerter Qualität und höherer Quantität erbracht werden können.

Im Großen und Ganzen sind aktuelle Entwicklungen auf dem Rechtsmarkt positiv zu bewerten. Auch ist nicht damit zu rechnen, dass der Anwalt in wenigen Jahrzehnten nicht mehr existiert und Algorithmen an seine Stelle treten. Irgendwann wird dies eventuell der Fall sein – aber welcher Beruf wird davon schon verschont bleiben?


[1] https://www.juve.de/nachrichten/namenundnachrichten/nachrichtkanzleien/2019/07/legal-tech-umfrage-kanzleien-setzen-auf-effizienzgewinn

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