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  • Philipp Kürth

Staatsexamen – zwischen Modifikation und Substitution

Aktualisiert: Apr 27

Wie sieht eine zeitgemäße juristische Ausbildung aus?

Die altbewährten Methoden anwaltlicher Arbeit werden durch technologische Neuentwicklungen in Frage gestellt. Mit der Verbreitung der Technologie gelangen auch die Universitäten an einen Wendepunkt. Sie müssen sich die Frage stellen, wie zeitgemäß das Studium an juristischen Fakultäten im Licht der Digitalisierung wirklich ist.


Neue Standards für die nächste Generation von Juristen

Auf der größten Legal Tech-Fachmesse, der LEGAL ®EVOLUTION, trafen Anfang Dezember 2019 Initiatoren und Interessenten der Technologisierung des Rechtsmarkts zusammen. Nicht nur Anwälte und Rechtsdienstleister auf der Suche nach den neuesten technologischen Potenzialen wurden von dem Angebot an Software und Managed Legal Services bedient. Auch die nächste Generation von Juristen nahm das Event für sich in Anspruch. Sie zeigte sich bestrebt, Legal Tech in die Zukunft der rechtsberatenden, -anwendenden und -gestaltenden Praxis zu tragen. Für die Anwälte, Justiz-Sachwalter und Referenten der Legislative von morgen liegen die Möglichkeiten auf der Hand, die juristische Prüfung oder Aufbereitung von Sachverhalten mit technischer Rechenkraft in Sekundenschnelle zu durchlaufen. Softwarelösungen können bestimmte juristische Tätigkeiten bereits heute schneller und präziser durchführen als ein Mensch. Sie stellen damit selbst hochqualifizierte Berufsträger in den Schatten.


Aus diesem Grund stellen Jurastudierende die Zukunftsfähigkeit des rechtswissenschaftlichen Studiums in Frage. Die engere Verzahnung mit der künftigen Anwaltspraxis wird vereinzelt auch von den Dozenten gefordert. In Einzelfällen schaffen sie mit Lehrangeboten Bezüge zu spezifischen Digitalisierungsfragen, um so übergreifende Fachkompetenzen zu vermitteln.


Studierende fordern ihre Bildung ein

Studentische Zusammenschlüsse haben sich in den letzten Jahren in Form von Initiativen den technologischen Entwicklungen am Rechtsmarkt verschrieben. Dazu gehört auch eLegal von der Georg-August-Universität Göttingen. Die Initiatoren der Vereinigung sahen die LEGAL ®EVOLUTION als Plattform, um ihren Beitrag bei der Gestaltung des Jurastudiums zu konsolidieren. Sie richteten ein Diskussionspanel aus, um die Anforderungen der digitalen Welt an die rechtswissenschaftliche Ausbildung zu erörtern. In knapp zwei Stunden der Debatte wurden derzeit sichtbar werdende Veränderungen im geforderten Kompetenzprofil angehender Juristen sowie Handlungsmöglichkeiten der Fakultäten ermittelt. Lara Sophie Hucklenbroich, Jurastudierende und Woman of Legal Tech 2018, moderierte das Panel.


Der Status Quo innovations-naher Skills

Ausgehend von den technologischen Trends, die aktuell Einfluss auf die Rechtsbranche nehmen, formulierten die Diskutanten ihre Statements. Selbstlernende Algorithmen, in Form von Künstlicher Intelligenz oder Machine Learning, sollen Juristen in Zukunft bei der Analyse von Schriftsätzen ablösen. Legal Tech hat darüber hinaus die Intention, die darauf aufbauende rechtliche Beurteilung zu automatisieren und vorgebrachte Argumente maschinell zu verwerten. Technologien, die Daten in Dokumenten lokalisieren und aufbereiten, sogenannte eDiscovery, müssen von den Rechtsdienstleistern von morgen verstanden werden. Denn nur das Hintergrundwissen um die technische Funktions- und Arbeitsweise erlaubt ihnen eine gezielte Anwendung sowie die Beurteilung von Datenschutz- und anderen Risiken.


Der Gleichlauf von Jura und Code

Juristische Entscheidungsstrukturen lassen sich aufgrund ihrer Logik gut in digitalen Schrittfolgen darstellen. Das hat in der jüngeren Vergangenheit zu anwendungstauglichen Programmen für die automatisierte Dokumentenerstellung geführt. Um die Software erfolgreich einzusetzen und ihre Potenziale auszuschöpfen, ist das Verständnis der Schnittstellen juristischer Subsumtion und der algorithmischen Funktionsweise von Computern nötig. Mangelt es an der Vorstellungskraft, wie Teilschritte der Vertragserstellung in das Programm implementiert werden können, wird daran die Automatisierung juristischer Tätigkeiten scheitern. Damit einhergehen Abstriche in der Konkurrenzfähigkeit der Rechtsberater, für die Effizienz zunehmend ein ausschlaggebendes Kriterium wird.


Kreativität, Interdisziplinarität und Teamfähigkeit im Fokus

Was sind konkret die nötigen Skills, um den technischen Neuerungen begegnen zu können? Den Grundstein für die Arbeit an der Schnittstelle von Technologie und Recht hat die Generation der jetzigen Studierenden durch ihre digitale Affinität bereits gelegt. Das eLegal-Panel auf der LEGAL ®EVOLUTION war sich einig, dass Juristen nicht fähig sein müssen, Software zu programmieren. Sie könnten die digitale Disruption durch die Offenheit für interdisziplinäres Arbeiten und produktorientiertes Denken für sich nutzen.


Dabei steht das Mandantenbedürfnis im Zentrum, von dem ausgehend Dienstleistungsangebote in Form von Software entwickelt werden, die skalierbar sind. Die Vergütung von Anwälten pro Zeiteinheit wird sich in Anbetracht der von der Mandantenseite geforderten Effizienz der Rechtsdienstleistung nicht halten. Das Angebot zeit- und ortsunabhängiger Rechtsberatungsprodukte ist damit wesentlicher Bestandteil der anwaltlichen Tätigkeit von morgen. Dazu gehört darüber hinaus die Fähigkeit, die Entwicklung derartiger Softwareprodukte im Team mit Entwicklern vorzunehmen. Dafür erforderlich sind Skills, die den Austausch zwischen den Disziplinen ermöglichen. Das Kompetenzspektrum wird geprägt durch abstraktes Denken, die schnelle analytische Einarbeitung in Probleme der Schnittstellen, sowie ein soziologisches und psychologisches Verständnis des Mandantenprofils. Letzteres ist Kerngegenstand der jungen Disziplin Legal Design, die Nutzen und Anwendbarkeit von Rechtsdienstleistungssoftware dadurch maximieren will, dass sie bestmöglich auf das Kundenbedürfnis eingeht.


Sollten wir überhaupt am Staatsexamen festhalten?

Die Grundlage aller Lehrinhalte mit Legal Tech-Bezug sind digitale Kenntnisse, um eine juristisch fachgerechte Beurteilung der neuen technologiegeprägten Sachverhalte zu gewährleisten. Konsequenterweise stand auch diese Grundlagenkompetenz im Diskussionsmittelpunkt des Panels.


Darüber hinaus ging die teils vertretene Forderung, das Gesamtkonstrukt der Ausbildung zum Richter mit zwei notwendigen Staatsexamina zu überdenken. Nur so sei eine weitgehende Öffnung des Studiums für interdisziplinäre Kompetenzen möglich. Die heute vorherrschende Situation, dass Jurastudierende die Praxisnähe erst mit dem Referendariat und dem Berufseinstieg erfahren, wirke dem entgegen. Der Einblick in die Arbeitsrealität von Behörden, Justiz und Anwaltschaft ist vor dem ersten Examen angesichts der Masse an Lernstoff höchstens Gegenstand von Nebenjobs oder Praktika; fachübergreifende Neugier ist eine Seltenheit.


Dem abhelfen wollen studentische Initiativen. Sie bieten den Studierenden Weiterbildungsmöglichkeiten in Form von Vorträgen und Workshops. Die Digitalisierung der Rechtsbranche wird im praktischen Umgang mit aktuellen Softwarelösungen verdeutlicht. Der Zuwachs an Initiativen zeigt ihre Popularität bei den Studierenden. Dies ist zum einen ihrer freien programmatischen Ausgestaltung, zum anderen ihrer Unabhängigkeit von universitären Bindungen geschuldet. Sie selbst fordern, dass ihr inhaltliches Angebot von den Universitäten selbst übernommen wird – was jedoch weniger paradox ist, als es scheint, wie Steffen Kootz, Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender von eLegal klarstellt. Er sieht ein Nebeneinander der universitären Lehrveranstaltungen und dem Ergänzungsangebot der Vereinigungen. Die universitäre Ausbildung nehme zuvorderst die theoretische Vorbereitung auf die juristische Tätigkeit mittels wissenschaftlicher Aufarbeitung und Forschung in Anspruch. Daneben sei Raum der Initiativen für praxisorientierte Angebote.


Code ist (nur) ein Bestandteil der Zukunft der Juristen

Juristen werden künftig weniger unter sich sein. Die Anforderungen eines globalisierten und effizienz-fokussierten Marktes fordern kostengünstige und bedürfnisgerechte Beratungslösungen. Software bietet das Potenzial, repetitive und zeitaufwändige Arbeitsschritte bei der juristischen Dokumentenerstellung oder -analyse sowie bei der Subsumtion unter eindeutig determinierte Tatbestandsmerkmale zu automatisieren und so mit neuartigen Dienstleistungsprodukten auf Mandantenbedürfnisse zu reagieren. Auch wenn künftige Juristen diese Produkte nicht eigenhändig entwickeln werden, muss sich das Jurastudium für interdisziplinäre Kompetenzen öffnen, Teamfähigkeit und unternehmerisches Denken mehr in den Vordergrund rücken. Rechtswissenschaftliche Fakultäten und studentische Initiativen können sich bei dieser theoretischen als auch praxisorientierten Ausgestaltung der künftigen Ausbildung ergänzen.


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