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  • Lucas Schönborn

Der digitale Aufstand im Rechtswesen – Ein Interview Gökhan Akkamis

Gökhan Akkamis ist 22 Jahre alt und Gründer des Legal Tech Start-Up Juracus. Das Start-Up stellt eine Software für Syndizi bereit, die Verträge auf etwaige Komplikationen, beispielsweise mit der jeweiligen Compliance, untersuchen soll.


Hallo Gökhan, danke dass du dir heute die Zeit genommen hast.


Sehr gerne. Danke für die Einladung.


Kommen wir gleich zu meiner ersten Frage: Was hat dich dazu motiviert, dich mit dem Thema Legal Tech zu befassen?


Ironischerweise das BWL-Studium. Unsere Professorin hat uns einmal gesagt, dass jedes Unternehmen SAP benutzt. Das fand ich erstaunlich. Warum sollte jedes Unternehmen die gleiche Software nutzen? Warum gibt es keine anderen Wettbewerber? Führt dies nicht dazu, dass nicht unbedingt die beste Software entsteht und Innovation gehemmt wird?

Infolge dessen habe ich mich gefragt, wo die Digitalisierung am größten hinterherhängt und welche Berufsgruppen ich am besten verstehe. Dann bin ich die verschiedenen Berufsfelder durchgegangen: Piloten, Steuerberater, Ingenieure, Juristen etc. Als ich mir die Liste angeschaut habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich doch Juristen am besten verstehe. Daraufhin habe angefangen, mich intensiv mit dem Thema Legal Tech zu befassen.


Das klingt doch schon einmal spannend. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, Juracus zu gründen?


Als ich den Markt analysiert habe, habe ich festgestellt, dass es doch schon sehr viele Legal Tech-Möglichkeiten für den Verbraucher gibt, aber wenige für jene, die Rechtsdienstleistungen anbieten. Diesem ersten Rechercheergebnis bin ich dann weiter gefolgt und habe mit vielen Juristen gesprochen – vom 60-jährigen Anwalt bis zum jungen Syndikus. Mein Eindruck war, dass selbständige Anwälte dem gegenüber wenig aufgeschlossen waren. Diejenigen in größeren Kanzleien hingegen schon eher. Am meisten Aufgeschlossenheit konnte ich bei Syndizi erkennen. Vielleicht liegt dies auch daran, dass es eine verhältnismäßig junge Berufsgruppe ist.

Als ich mich dann näher mit dieser Berufsgruppe befasst habe, habe ich erstaunlicherweise feststellen können, dass sich 62% der Rechtsabteilungen nur mit dem Sichten von Verträgen beschäftigt. Dabei macht man doch nicht 2 Staatsexamina, nur um Verträge zu sichten, statt sich mit den wirklich spannenden Fragen zu befassen. Aber nicht nur das – auf Kundenseite hingegen wird dies wahnsinnig teuer. Schließlich müssen diese Anwälte auch bezahlt werden. Dort habe ich also das Potential für Disruption gesehen und mich dazu entschlossen, in dieser Sparte zu engagieren.


Wie bist du dabei auf den Namen Juracus gekommen?


Unser gesamter Alltag ist bereits digitalisiert, die Justiz hingegen noch kaum. Juracus soll dabei ausdrücken, wie verstaubt die Digitalisierung im Rechtswesen ist. Orientiert habe ich mich dabei an Spartakus – als Sinnbild für den Aufstand der Juristen für die Digitalisierung im Rechtswesen - und an dem alten römischen Wort Jurisprudenzia. Der „Aufstand der Juristen“ soll es ihnen dabei ermöglichen, geistig interessanten Tätigkeiten nachzugehen, sich fachlich fortzubilden, ihr gesamtes Potential auszuleben und nicht nur monoton Verträge durchzugehen und auf mögliche Komplikationen zu untersuchen. Alternativ haben wir noch überlegt, uns LawNutz zu nennen, haben dies letztendlich aber verworfen *lacht*.


Ein kreativer Name! Ich als heutiger Jurastudent bin da natürlich auch sehr dankbar für, wenn die spätere Arbeit interessanter gestaltet wird. Was waren denn bisher die größten Hindernisse auf eurem Weg? Was konntest du aus diesen lernen?


Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Als Gründer ist man jederzeit mit Hindernissen konfrontiert, die sehr schwierig zu überwinden sind. Ich würde dennoch sagen, die größte Hürde war es, ein Team aufzubauen. Wir sind inzwischen 3 „Techies“ im Team, die zwar vorher nie wirklich Kontakt mit Rechtsdienstleistungen hatten, aber wirklich für die Sache brennen und auf technischer Ebene Herzblut investieren. Ich denke, nichts ist wichtiger als ein Team zu haben, das wirklich leidenschaftlich bei der Sache ist und dafür brennt. Ein Entwickler arbeitet Vollzeit und wird monetär entgolten. Die anderen erhalten zurzeit noch ein Entgelt in Form von Shares. Auch haben wir einen SEED-Investor an Board, die d.velop AG. Unseren geringen Umsatz nutzen wir zur Refinanzierung.


Ich habe gesehen, dass du neben deinem unternehmerischen Engagement noch Wirtschaftswissenschaften und Jura studierst. Wie schaffst du es, das alles zu bewerkstelligen?


Also um ehrlich zu sein, hat das Studium nur noch eher marginale Bedeutung. Am Anfang haben wir es nur nebenberuflich gemacht, aber schnell gemerkt, dass dies nicht miteinander zu vereinbaren ist. Aber natürlich ist dies eine Abwägungsfrage, die mit hohen Risiken belastet ist. Ein Hochschulabschluss schadet schließlich grundsätzlich nicht. Jedoch muss ich auch ehrlich sagen, dass mir das Studieren nie wahnsinnig viel Freude bereitet hat. Ich fand es immer zu verschult. Bei vielen hatte ich zudem den Eindruck, dass sie nicht der Inhalte wegen, sondern wegen des Abschlusses studiert haben. Intrinsische Motive scheinen da nicht mehr so wichtig zu sein. Auch hat die berufliche Praxis später in den seltensten Fällen etwas mit dem zu tun, was man noch an der Hochschule gelernt hat. Am meisten hat mich aber sehr gestört, dass es einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Die Lehrbetriebe sind antiquiert, Chancen der Digitalisierung werden nicht adäquat genutzt und vieles ist auch nur ein reines Wissensstudium. In Zeiten, in denen man innerhalb weniger Sekunden jede erdenkliche Information weltweit konsumieren kann, sollte doch die Lehre weg von der Wissens- und hin zur Fähigkeitsvermittlung.


Ja, da bin ich definitiv ganz bei dir. Abschließend würde ich von dir noch gerne erfahren, was der Plan für das kommende Jahr ist und wo wollt ihr stehen?


Definitiv das Team vergrößern. Zurzeit sind wir 4 und wollen im nächsten Jahr auf 20 wachsen. Zudem wollen wir auf 1.000 Kunden wachsen, jedoch ist nicht jeder Nutzer auch gleich Kunde. Ein Kunde nimmt unsere Leistung gegen Entgelt in Anspruch, ein Nutzer hingegen nur die gratis Version. Wir wollen also 1.000 entgeltliche Geschäftsbeziehungen mit Endkunden haben. Die Gratisversion soll die Grundfunktionen der Software veranschaulichen. Unsere entgeltliche Software bietet eine Vielzahl von Funktionen, ist um einiges größer, genauer etc.


Das klingt doch sehr gut. Ich wünsche euch auf eurem Weg weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für den anregenden Austausch


Ich habe zu danken.

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